MDS veröffentlicht Broschüre zur Gewaltprävention in der Pflege

Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter: Die Medien berichten immer wieder über demenzkranke Senioren, die ans Bett gefesselt werden. Gehbehinderte, denen Rollstuhl oder Gehstock vorenthalten wird. Hilflose Menschen, die in ihrem Zimmer eingeschlossen werden. All das gehört zur Gewalt gegen Senioren. Um über das Thema „Gewalt in der Pflege“ aufzuklären, hat der MDS nun eine Broschüre zur Gewaltprävention veröffentlicht. Dort werden fünf unterschiedliche Erscheinungsformen von Gewalt gegen Senioren aufgeführt.

Formen der Gewalt durch Pflegende
Unterschieden wird zwischen physischer und psychischer Gewalt. Während physische Gewalt direkte körperliche Schädigung (z.B. durch Schläge) beinhaltet, bedeutet psychische Gewalt eher Einschüchterung und Bedrohung durch verbale Aggressivität. Auch Vernachlässigung (z.B. durch unterlassene Hygienemaßnahmen), sexueller Missbrauch und finanzielle Ausbeutung gehören mit zur Gewalt gegenüber älteren Menschen.
Vor allem Vernachlässigung und finanzielle Ausbeutung treten auch immer wieder bei häuslicher Pflege auf. Wenn Kinder oder Enkel die Pflege übernehmen, wird ihr Umgang mit dem zu Pflegenden nur selten überprüft. Nur aufgrund eines konkreten Vorfalles und einer dementsprechend gestellten Anzeige, kann etwas gegen die Missstände unternommen werden.
In der stationären Pflege dagegen gibt es immer wieder Konflikte mit den sogenannten Fixierungsmaßnahmen. Um Senioren vor Selbstgefährdung zu bewahren, werden diese festgebunden oder sogar durch Medikamente ruhig gestellt. Menschen, die nicht schnell genug essen, erhalten eine Magensonde. Oftmals stehen Wirtschaftlichkeit und Beschleunigung der Pflegeprozesse im Vordergrund. Persönliche Wünsche müssen im Altenheim oft hintenan stehen. Teilweise bedeutet dies, dass Menschen selbstständiger sein könnten, aber niemand da ist, um sie intensiv zu betreuen.

Formen der Gewalt durch Pflegebedürftige
Gewalt folgt nicht immer dem klassischen Täter-Opfer Schema. Auch Gepflegte üben erstaunlich häufig Gewalt aus. Diese reicht von Nichtanerkennung der Leistungen des Pflegenden bis zum absichtlichen Einkoten. Die Ursachen sind vielfältig: Manchmal ist eine emotional-schlechte Beziehung zwischen Pflegenden und Gepflegten die Ursache. Manchmal entsteht Gewalt auch aus dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit. Menschen, die früher sehr selbstständig waren, reagieren teilweise mit Aggressionen auf essentielle Pflegemaßnahmen. In solchen Fällen hilft die Beschwerdestelle Pflege weiter.

Lösungsansätze
Fixierungen sind jedoch nicht zwangsläufig notwendig. Einen guten Kompromiss hat beispielsweise das Gronauer Seniorenzentrum „Bethesda“ entwickelt. Dieses Pilotprojekt der Diakonie testet bereits seit fünf Jahren Möglichkeiten alten Menschen ohne Fixierung mehr Sicherheit zu geben. Dazu gehören auch Niedrigbetten, die das Anbringen von Bettgittern ersparen. Selbst wenn ein Patient aus dem Bett stürzt, ist die Verletzungsgefahr minimal. Zusätzlich helfen Kontaktmatten dabei demenzkranke Patienten nicht aus den Augen zu verlieren, ohne sie festzuhalten. Die Kontaktmatten senden ein Signal, sobald sie betreten werden.

Der MDS koordiniert zudem ein Pilotprojekt zur Vermeidung von Gewalt gegen ältere und pflegebedürftige Menschen. Dieses wird teilweise von der europäischen Kommission finanziert. Zu den Projektpartnern gehören unter anderem auch Österreich, Luxemburg und Spanien. Jedes dieser Länder analysiert seine Pflegestrukturen anhand vorgegebener Leitfragen. Durch direkten Vergleich sollen so neue Erkenntnisse über menschenwürdige, gewaltfreie Pflege gewonnen werden.

Alexander Keller

Ehemaliger Chefredakteur vom Wohnen im Alter Magazin.

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