Innovative Wohnformen als Chance in der Pflege?

Vom Quartierhaus bis zum Dementendorf
Durch den demographischen Wandel steigt das Interesse an neuen Konzepten zur Versorgung pflegebedürftiger Senioren. Dabei setzen die großen Betreiber in Deutschland auf verschiedene Konzepte. Während die renommierte Beratungsgesellschaft Terranus keine Alternative zur vollstationären Pflege sieht, erscheint anderen Betreibern und Planern das klassische Altenheim nicht mehr zeitgemäß. Sie plädieren für eine stärkere Einbindung der Erkrankten in die Gesellschaft. Ihre Kritik wendet sich nicht nur gegen die sogenannten „Quartiershäuser“, die vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) zur 5. Generation des Pflegeheimbaues erklärt wurden. Auch in der – von Bundesminister Daniel Bahr vorgeschlagenen- „Pflege-WG“ sehen sie keine Alternative. Dies wird begründet mit dem Argument, die Gesellschaft werde als „Pflegeheim ersetzender“ Faktor angesehen und damit völlig überschätzt. Das Gemeinwesen könne nicht mit der Pflege gerontopsychatrisch Kranker betraut werden.
Eine objektive Einschätzung des Marktes und der Nachfrage erscheint jedoch durch die unterschiedlichen regionalen Bedingungen nahezu unmöglich. In manchen Regionen besteht fast schon ein Überangebot an Pflegeplätzen. In anderen herrscht dagegen ein deutlicher Mangel.

Um sich aus der Masse der Dienstleistungsanbieter hervorzuheben, gehen manche Betreiber ungewöhnliche Wege. So soll in Alzey (Rheinland-Pfalz) ein Dementendorf nach niederländischem Vorbild entstehen. Der Pflegekomplex wird Platz für 120 Patienten bieten und einem ‚normalen‘ Stadtteil nachempfunden sein.
Nur: Ein Kontakt zwischen der gesunden Bevölkerung und den Demenzkranken findet kaum statt. Rolf Gennrich, Geschäftsführer des INFAQT-Institutes für Altenwohnbau, kritisiert das neue Projekt deshalb als überholt. Seiner Meinung nach, kann solch ein großer Komplex -trotz ambulanter Versorgungsstrukturen- nie den Charakter einer „stationären und anstaltsmäßigen Unterbringung“ ablegen.

Sein Gegenvorschlag beinhaltet die Eingliederung psychogeriatrischer Einrichtungen in städtische Wohngebiete. Als Beispiel nennt Gennrich die niederländische Einrichtung „Stichting SGDG“. Zwar leben die Patienten auch hier stationär in eigenständig betriebenen Wohnhäusern, aber dies ist nicht sofort erkennbar. Die Haustüren und Briefkästen entsprechen denen der Umgebung. Auf den ersten Blick gibt es keinen Unterschied zu normalen Wohnhäusern. Dadurch soll die Ausgrenzung der Demenzkranken minimiert werden. Freunde und Nachbarn können im Idealfall sogar in die Pflege mit eingebunden werden. Ein Umzug in ein Dementendorf mit riesigem Einzugsgebiet und völlig neuer Umgebung wäre somit nicht mehr nötig.

Gennrich plädiert dafür das Dienstleistungssystem der Pflegebranche neu zu strukturieren. Seiner Meinung nach behindern die baulichen Bestimmungen für Quartiershäuser deren Anerkennung in der Gesellschaft, da vor allem der Wohnraum sehr knapp bemessen sei. Zudem seien sie kaum für ländliche Regionen geeignet. Dort wären eher „Kleinstpflegeheime“ angebracht, die sich bereits ab 24 Plätzen rechnen könnten. Nur damit könne man eine höhere Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft erreichen.

Quelle: Altenheim – Lösungen fürs Management. Ausgabe: 4. 2012

Alexander Keller

Ehemaliger Chefredakteur vom Wohnen im Alter Magazin.

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