Kritik am Demenzdorf: Unsere Bewohner sind nicht bescheuert

Kritik am Modell Demenzdorf:

Michael Schmieder, Leiter des auf Menschen mit Demenz spezialisierten Pflegeheims Sonnweid in Wetzikon/Schweiz, hat im aktuellen SPIEGEL-Magazin massive Kritik an sogenannten Demenzdörfern geäußert. Deren Betreuungskonzept sei auf Lügen aufgebaut. Sein Credo: „Unsere Bewohner sind dement, aber nicht bescheuert.“ Das berühmte Demenzdorf in den Niederlanden, De Hogeweyk, ist zu einer Pilgerstätte geworden. Besuchergruppen werden geordnet durchgeschleust, um einen Blick auf ein innovatives Betreuungskonzept für Menschen mit Demenz zu werfen. Und um daraus zu lernen, und eigene Projekte auf den Weg bringen zu können. In Deutschland ist das Projekt in Alzey bisher das bekannteste, allerdings ist es noch nicht in der Umsetzungsphase. In hilden, emmerich und Wesel laufen weitere Planungen. In Hameln/Niedersachsen ist ein kleines ähnliches Demenzprojekt für 52 Bewohner gerade eröffnet worden (Tönebön am See).

Lügenmodell Demenzdorf?

Aber das Konzept ist nicht unumstritten. Die Pflegepolitik in NRW und Rheinland-Pfalz scheut sich, solche Demenzdörfer zu fördern. Michael Schmieder, Chef des auf Demenz spezialisierten Pflegeheims Sonnweid im schweizerischen Wetzikon, führt selbst eine Einrichtung, die für innovative Betreuungskonzepte mit Bewohnern mit Demenz bekannt ist. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hat er heftige Kritik am Demenzdorf-Konzept geäußert. Schmieder: „Das Konzept funktioniert schon deshalb nicht, weil man es ‚Dorf‘ nennt. Mit diesem Begriff, der schön und heimelig klingt, will man der Krankheit den Schrecken nehmen. Als ginge das mit einem hübschen Label! Gewiss, es gibt da gute Mitarbeiter, die machen gute Demenzbetreuung. Sie nehmen Stress weg, das ist das Wichtigste. Die Menschen haben viel Platz, drinnen und draußen, sie können viel entscheiden. Aber der Name ‚Demenzdorf‘ ist Augenwischerei. Das Schlimme ist: Die pflegerische Beziehung wird auf einer Lüge aufgebaut. Man tut das vermeintlich, um den Kranken zu schonen. Die Pflegenden, die den Kranken belügen, suchen eine Lösung für sich – nicht für den Kranken. Man will damit Demenz pflegbar machen. Ein unerfüllba­rer Anspruch: Alzheimer ist nicht betreubar.“

Ehrlicher Umgang mit der Demenz gefordert

Zum Konzept im Sonnweid erläutert Schmieder: „Wir haben hier einen anderen Ansatz: für den Menschen da zu sein. Ehrlich zu ihm zu sein. Ihn auszuhalten. Ich gehe nicht gut mit jemandem um, wenn ich abends die von ihm gekaufte Ware wieder in den künstlichen Supermarkt zurücksortiere. Das ist doch gemein! Wir haben dieses Bild von Dementen: hoch aggressiv, kreischend, um sich schlagend. Hier bei uns erleben wir das jeden Tag anders. Jeder geht friedlich seinen Geschäften nach. Manche tigern durch die Gänge, andere unterhalten sich, bei uns wird viel und gut gegessen. Natürlich gibt’s auch mal Streit, aber auch sehr viel Gelächter.“
Einen Menschen mit Demenz zu begleiten bedeute, ihm in seiner Not beizustehen, „ohne ihn zu belügen. Ich nehme ihn ernst, erkenne an, was er fühlt“. Schmieder lehnt das Vortäuschen von Realität wie künstliche Bushaltestellen, Zugfahrtsimulatoren, „wo die Demenzpatienten in Erste-Klasse-Sesseln sitzen und statt aus dem Fenster auf einen Film in Endlosschleife schauen, in dem die Berglandschaft vorbeizieht“, als unwürdig für die Patienten ab. Auch das viel gelobte Lebensstilkonzept sieht er kritisch: „Diese Krankheit konfrontiert uns mit anderen Werten; da spielt Herkunft keine Rolle mehr. Denken Sie an den Intellektuellen Walter Jens, der sich als Alzheimerkranker in der Gesellschaft einer einfachen Bäuerin am wohlsten fühlte.“

Demenz: Angehörige überfordert:

Und: Er ist fest davon überzeugt, dass die Betreuung von Menschen mit Demenz in professionelle Hände gehört. „Die Krankheit überfordert Angehörige. Wenn jemand fünfmal in der Nacht ins Bett uriniert oder der 84-jährige Ehemann um 4 Uhr morgens zur Arbeit gehen will – das hält man nicht aus.“ anehörige sollten vielmehr dafür kämpfen, dass „die Institutionen, in denen Demenzkranke betreut werden, besser werden.“ Die Kosten im Sonnweid: „Da kommen schon mal 10.000 Franken im Monat zusammen.“

Das komplette Interview finden Sie im „Spiegel“ Nr. 11/2014.

Quelle: careinvest
Bildquelle: https://www.vivium.nl/hogeweyk

Alexander Keller

Ehemaliger Chefredakteur vom Wohnen im Alter Magazin.

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3 Antworten

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