Ist der Pflege-TÜV gescheitert?

Pflegebeauftragter der Bundesregierung kritisiert „Pflege-TÜV“:

Das MDK-Noten-Systems für Pflegeeinrichtungen wird seit seiner Einführung 2009 vehement bekämpft und kritisiert. Der so genannte „Pflege-TÜV“ bringe kein höheres Maß an Transparenz und keine Verbesserung der Pflege-Qualität. Pflege-Fehler oder eine mangelnde Betreuung können durch eine gute Dokumentation oder weiche Kriterien ausgeglichen werden. Die Benotungen dienten nur der Beruhigung der Öffentlichkeit. Jede Pflegeeinrichtung wird einmal im Jahr vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen geprüft. 77 Punkte werden aktuell abgefragt. Am Ende gibt es für jedes Heim eine Note.

Die Pflege-Note soll die Qualität der Einrichtungen widerspiegeln. Ähnlich wie bei den Schulnoten gibt es Noten von eins bis fünf. Die bundesweite Durchschnittsnote liegt aktuell bei 1,3. Bisher hatten die amtierenden Gesundheitspolitiker das Pflegenoten-System immer verteidigt. Anlässlich der Diakonie-Tagung in Bochum erklärte der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), den sogenannten Pflege-Tüv für gescheitert und die Noten für irreführend. Eine solch offene Kritik an den Pflegenoten aus der Bundesregierung gab es bisher noch nicht.

Fehlende Objektivität des MDK?

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), sprach Klartext: „Die Schulnoten sind irreführend“, sagte Laumann bei der Fachtagung der Diakonie in Bochum. Schwere Pflegefehler dürften bei der Bewertung von Pflegeheimen nicht durch Aktivitäten wie gemeinsames Singen ausgeglichen werden. Kritiker monieren, dass bei der Bewertung beispielsweise Mängel beim Vermeiden von Druckgeschwüren durch gut lesbare Speisepläne ausgeglichen werden können. Laumann zeigte sich offen für eine spätere Überprüfung des MDK. Man könne den Verdacht mangelnder Objektivität kaum noch ausräumen, sagte Laumann.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff ab 2017

Mit Blick auf die geplante Pflegereform warnte Ulrich Christofczik aus dem Vorstand der Diakonie Rheinland, Westfalen, Lippe (RWL) vor einer „radikalen Ökonomisierung des Sozialen“. Er kritisierte unter anderem die vierprozentige Steigerung der Mittel für Pflegeleistungen als nicht ausreichend und den geplanten Vorsorgefonds als nicht solide. Zudem mahnte er eine baldige Neufassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs an. „Vertrösten Sie uns nicht länger“, sagte Christofczik an Laumann gewandt. Laumann nannte die neue Definition der Pflegebedürftigkeit den „Kern der Reform“ und versicherte: „Der gilt ab 1. Januar 2017“. Das sei klar im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

Er warnte aber davor, den Begriff überstürzt einzuführen. Zudem sagte Laumann Verbesserungen bei der Vergütung von Betreuungsleistungen durch Ehrenamtliche zu. Kritiker hatten dies als Förderung von Schwarzarbeit angeprangert. Die bisherigen Pflegestufen sollen ab 2017 durch Pflegegrade abgelöst werden. Die Pflegegrade sollen den tatsächlichen Betreuungsbedarf insbesondere von Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz z.B. bei Demenz besser berücksichtigen.

Hintergrund:

Der Pflege-TÜV ist eine Zertifizierung durch den TÜV in Kooperation mit dem Bundesverband privater Anbieter (bpa) auf Grundlagen der Qualitätsrichtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Der Pflege-TÜV ist nicht zu verwechseln mit den Pflegenoten des MDK. Der MDK überprüft regelmäßig Altenheime und ambulanten Pflegediensten. Die Ergebnisse dieser Überprüfung werden im Transparenzbericht des MDK veröffentlicht. Pflegenoten sollen den Vergleich der Qualität von Pflege-Angeboten ermöglichen.

Verbraucher soll so die Auswahl eines Seniorenheimes oder eines Pflegedienstes erleichtert werden. Inwiefern Pflegenoten die tatsächliche Qualität der Einrichtungen und Dienste wiederspiegeln ist in Fachkreisen höchst umstritten. Kritiker werfen dem Prüfungsverfahren vor, falsche Maßstäbe zu setzen und warnen vor einer Bürokratisierung der Pflege.

Alexander Keller

Ehemaliger Chefredakteur vom Wohnen im Alter Magazin.

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3 Antworten

  1. Martina Lenzen sagt:

    Sehr geehrter Herr Keller,

    ein Land, das den Altenschutz neben dem Tíerschutz und Kinderschutz (noch) nicht als Ziel hat, das muss sich nicht wundern. „Altenwohl“ – auch noch kein Wort. Die Gefährdung sehen wir.

  1. 6. November 2014

    […] Pflege-/ Patientenbeauftragter der Bundesregierung, anlässlich einer Diakonie-Tagung in Bochum den sogenannten Pflege-Tüv für gescheitert und die Noten für irreführend erklärt. Der Grund: Pflege-Fehler oder eine mangelnde Betreuung könnten durch gute Dokumentation oder […]

  2. 1. Juli 2015

    […] Ist der Pflege-TÜV gescheitert? […]

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