Pflege auf Distanz: Was tun, wenn Pflegebedürftige weit entfernt leben?

Demographischer Wandel führt zu Problemen in der Pflege

Die Pflege von entfernt lebenden pflegebedürftigen Angehörigen ist ein aktuelles Thema. Zu den modernen Lebensformen gehört auch immer mehr die regionale Distanz, die Angehörige einer Familie z. B. zu ihren Eltern haben. Viele junge Menschen nehmen heutzutage ihrer beruflichen Karriere zuliebe in Kauf, dass sie ihre Wohnorte mitunter häufiger wechseln müssen. Traditionelle Familienverbände lösen sich somit auf. Eine wichtige Säule der sozialen Unterstützung von z.B. pflegebedürftigen Familienmitgliedern gerät dadurch ins Wanken. So kommt den professionellen Helfersystemen, die beim Pflegebedürftigen vor Ort agieren, eine wichtige Funktion zu. Oftmals versuchen Angehörige aus der Ferne die Hilfe für ihre pflegebedürftigen Angehörigen zu organisieren oder sie nehmen eine Kräfte zehrende Wochenendpendlerei in Kauf.

Pflegeberatung: Organisation und Koordination von Pflege

Die Belastung, dass eigene Familienleben zu organisieren und dabei die Sorge um den Pflegebedürftigen, treibt viele Angehörige selbst an ihre physischen und psychischen Grenzen. Darüber hinaus besteht bei vielen Betroffenen ein enormer Informationsbedarf hinsichtlich der Leistungen der Pflegeversicherung und zu den Angeboten der professionellen Versorgungsanbieter. Wenn es zu einer Pflegebedürftigkeit innerhalb der Familie kommt, muss man sich gewollt oder ungewollt zwangsläufig mit der Thematik auseinandersetzen. An dieser Stelle kommt die professionelle Pflegeberatung nach § 7a Sozialgesetzbuch XI ins Spiel, die hier begleitend dem Pflegebedürftigen und seinen Angehörigen zur Seite stehen soll. Diese Leistung steht jedem gesetzlich aber auch privat Versicherten zur Verfügung. Eine kurze Information an die eigene Pflegeversicherung oder das Aufsuchen eines Pflegestützpunktes reichen und der Pflegeberater kommt bei Bedarf zum Betroffenen und dessen Angehörigen. Mit Hilfe des Pflegeberaters kann die Pflege und Versorgung des Pflegebedürftigen vor Ort organisiert werden, wenn eigene familiäre Ressourcen nur unzureichend vorhanden sind oder der Betroffene selbst dazu nicht in der Lage ist. Neben wichtigen Informationen zu den Leistungen der Pflegeversicherung sowie der Unterstützung bei der Antragstellung z.B. für Pflegehilfsmittel oder auch für eine Pflegeeinstufung, kann ein Pflegeberater eine Versorgungsplanung vornehmen. Bei solch einer Planung werden alle Leistungsanbieter, die im individuellen Fall der Versorgung benötigt werden erfasst. Auch die Kontaktaufnahme zu solchen Anbietern und deren Koordination kann durch den Pflegeberater erfolgen. Hier handelt es sich dann um ein sogenanntes Case Management, dem Fallmanagement, bei dem der Pflegeberater eine wichtige vermittelnde Rolle zwischen dem Pflegebedürftigen und dessen Angehörigen sowie den professionellen Dienstleistern übernimmt. Entfernt lebenden Angehörigen wird somit eine enorme Last von den Schultern genommen, da ihnen ein professioneller Helfer zur Seite steht, der sich um die individuellen Belange des Pflegebedürftigen vor Ort kümmert. Oftmals stehen Pflegeberater auch einfach nur mit ihrem Rat zur Verfügung, solche Informationen werden ebenfalls dankbar angenommen. Die Pflegeberatung nimmt Angehörigen von Pflegebedürftigen einen Teil der meist zeitaufwendigen bürokratischen Pflichten bei der Organisation und Koordination der pflegerischen Versorgung ab.

Vorsorgevollmacht

Neben dieser aktiven Unterstützungsmöglichkeit im Prozess der Pflegeplanung und Pflegeorganisation spielt auch die schriftlich verfasste Vorsorgevollmacht eine wichtige Rolle. Mit diesem Dokument kann man schon frühzeitig festlegen, welche Person im Bedarfsfall, d.h. bei einer eventuellen Geschäftsunfähigkeit z.B. bei einer Demenz oder im Falle einer Pflegebedürftigkeit wichtige Aufgaben, z.B. Behördenwege, Arztgespräche für den Betroffenen übernehmen darf. Es handelt sich somit um einen Vertrag zwischen zwei geschäftsfähigen Personen. Man sollte sich schon vor dem Eintreten eines eventuellen Hilfebedarfs über bestimmte Versorgungsmöglichkeiten austauschen und Personen bestimmen, die im Bedarfsfall Verantwortung für den Pflegebedürftigen vor Ort übernehmen. Diese Personen sollten auch wissen, wo wichtige Dokumente des Vollmachtgebers hinterlegt sind beispielsweise eine Patientenverfügung. Hierbei handelt es sich um die eigene schriftlich verfasste Willenserklärung in medizinischen Notfallsituationen, z.B. ob im Notfall Reanimationen oder lebenserhaltende medizinische Maßnahmen durchgeführt werden dürfen.

Technische Hilfsmittel als Möglichkeit miteinander in Kontakt zu bleiben

Ist die Versorgung des Pflegebedürftigen gut organisiert und die Zuständigkeiten sind ausreichend geklärt, fällt den Angehörigen oftmals eine Last von den Schultern. Die Sorge um den Betroffenen kann man wahrlich nicht nehmen und auch regelmäßigen Besuche sind auf eine weite Distanz meist nicht möglich. Hier bieten technische Hilfsmittel ihre Dienste an. Neben regelmäßigen Telefonaten, kann auch die Videotelefonie über das Internet der gegenseitigen Kommunikation zuträglich sein. Ein wenig technisches Verständnis ist hier natürlich schon notwendig, aber ist die meist kostenlose Software installiert steht der regelmäßigen Kontaktaufnahme nichts mehr im Wege und die Zeit bis man sich wiedersieht kann so weniger lang erscheinen. Auch der regelmäßige Kontakt zu den vor Ort involvierten Versorgungsanbietern sollte gesucht werden. Eine Verlaufsdokumentation sollte bei Besuchen des Pflegebedürftigen immer vor Ort einsehbar sein. So können sich die Angehörigen ein Bild von den durchgeführten Versorgungsleistungen machen und auch den Pflegeverlauf besser nachvollziehen.

Recht auf soziale Unterstützung

Tritt eine Pflegebedürftigkeit in der Familie auf, ist dieses für viele Angehörige eine berechtigt große Herausforderung in ihrem Leben. Sorgen, Ängste und Unwissenheit können zermürbend wirken. Unser Sozialversicherungssystem bietet hier soziale Unterstützung an. Diese Möglichkeiten werden oftmals leider in der Öffentlichkeit zu wenig kommuniziert. Hier bedarf es der professionellen Weitergabe von Informationen durch die verschiedenen Institutionen. Angehörige sollten sich nicht scheuen, Hilfe für den Pflegebedürftigen einzufordern. Ob Beratung, Pflege oder einfach nur eine Betreuungsleistung für einen Spielenachmittag, um der Einsamkeit in der eigenen Häuslichkeit zu entgehen, Pflegebedürftige haben das Recht auf eine individuelle menschenwürdige Versorgung. Nur wenn diese gewährleistet ist, nimmt das ein wenig den Schrecken, wenn man von einer Pflegebedürftigkeit spricht.

Daniela Menzel

Diplom Gesundheitswirtin (FH), Pflegeberaterin n. § 7a SGBXI, examinierte Krankenschwester und geprüfte Beraterin für generationsgerechte Assistenzsysteme (AAL). Jahrelange Erfahrung in der stationären und häuslichen Krankenpflege sowie in beratender Funktion. Lebt mit Mann und Kindern in Braunschweig.

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