Barmer GEK Pflegereport 2014: 4 % Erhöhung der Pflegeleistungen reicht nicht aus

Report zeigt: Pflegestärkungsgesetz 1 reicht nicht aus!

Mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz werden zum 01. Januar 2015 die Pflegeleistungen um 4 Prozent angepasst. Zusätzlich sollen die Leistungen der Pflegekasse alle drei Jahre dynamisiert und angepasst werden. Der aktuelle Barmer GEK Pflegereport zeigt, das diese Dynamisierung vollkomen unzureichend ist. Bis 2008 ist die Kaufkraft der Pflegeversicherungsleistungen seit Einführung um ein Fünftel bis ein Viertel gesunken. Die seit 2008 erfolgten Leistungsdynamisierungen sind nicht geeignet, den Wertverlust zu kompensieren. Die erheblichen Eigenfinanzierungsanteile sind im Lauf der Zeit deutlich gestiegen. Tatsächlich sind die Eigenanteile an den Pflegekosten – nicht zuletzt aufgrund fehlender Leistungsdynamisierung – seit Einführung der Pflegeversicherung kontinuierlich angestiegen und haben inzwischen Durchschnittswerte von 400-800 Euro erreicht. Ein weiterer Wertverlust der Pflegeversicherungsleistungen dürfte dieses Leistungssystem daher langfristig delegitimieren. „Vor diesem Hintergrund sind die vorgesehenen Leistungsdynamisierungen von 4% für einen 3-Jahreszeitraum unzureichend“, so Rothgang. Sein Vorschlag: „Da gut zwei Drittel der Kosten im Pflegesektor Personalkosten sind und Rationalisierungspotentiale bei diesen persönlichen Dienstleistungen nicht vorliegen, führt eine Orientierung der Leistungsdynamisierung an der Inflationsrate zwangsläufig zu weiteren Wertverlusten der Versicherungsleistungen. Um eine wünschenswerte Realwertkonstanz zu erreichen, ist dagegen eine Anpassung notwendig, die sich sowohl an der Lohn- als auch an der allgemeinen Preisentwicklung orientiert.

Schlechte zahnmedizinische Versorgung bei Pflegebedürftigen

Bei der Zahngesundheit pflegebedürftiger Menschen liegt einiges im Argen. Sie werden deutlich seltener zahnmedizinisch versorgt als nicht Pflegebedürftige. Das ist das zentrale Ergebnis des neuen BARMER GEK Pflegereports, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Während nicht Pflegebedürftige zum Beispiel konservierende, chirurgische und Röntgenleistungen zu 30,4 Prozent je Quartal im Jahr 2012 nutzten, waren es bei Pflegebedürftigen 9,8 Prozentpunkte weniger. Dieser Unterschied variiert noch nach Versorgungsart und Pflegestufe. Mit Pflegestufe I bei familiärer Pflege beträgt der Unterschied lediglich 5,1 Prozentpunkte. Pflegeheimbewohner mit Pflegestufe III haben hingegen eine um 16,5 Prozentpunkte verringerte Behandlungshäufigkeit. „Vor allem Menschen in Pflegeheimen benötigen einen noch leichteren Zugang zur zahnmedizinischen Versorgung, gerade weil ihnen die Mitwirkung insbesondere wegen ihrer Bedürftigkeit schwer fällt“, forderte Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK. Hilfreich seien zum Beispiel mehr Schwerpunktpraxen für Pflegebedürftige. Außerdem müsse die aufsuchende Behandlung ausgebaut werden. Schlenker begrüßte, dass der Gesetzgeber im Versorgungsstärkungsgesetz Verbesserungen der zahnmedizinischen Prävention für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen plane.

Aktuelle Zahlen zur Pflege in Deutschland

Regionale Unterschiede

Die maximale Zahl der Pflegebedürftigen wird in den einzelnen Bundesländern bis 2060 zu unterschiedlichen Zeitabschnitten erreicht. Während in Bayern und Baden-Württemberg sowie den Städten Berlin, Hamburg und Bremen es zwischen 2050 und 2060 noch zu einer Erhöhung der Zahl der Pflegebedürftigen kommen wird, sind in den ostdeutschen Bundesländern ausnahmslos deutliche Rückgänge zu verzeichnen, so etwa minus 12,4 Prozent in Brandenburg (Report S. 72 ff).

Spezifische Leistungen

Die spezifischen Leistungen im Sozialgesetzbuch XI, die Pflegebedürftigen beim selbständigen Wohnen zuhause helfen sollen, werden immer noch selten genutzt. So haben 2,8 Prozent der Pflegebedürftigen im Jahr 2013 bundesweit knapp 72.000 Leistungen zur Verbesserung des Wohnumfeldes erhalten. Nur 0,48 Prozent – das entspricht rund 12.000 Pflegebedürftigen – wurden für das Leben in einer ambulant betreuten Wohngruppe unterstützt (S. 140 ff).

Geriatrische Reha

Der Report berichtet über starke regionale Unterschiede bei der geriatrischen Rehabilitation. In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern, Saarland und Mecklenburg-Vorpommern gibt es besonders ausgeprägte Angebote. Zugleich erhalten Patienten mehr Reha, insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg. In diesen Ländern kann die Pflegebedürftigkeit verzögert werden – ein Hinweis auf die Wirksamkeit der geriatrischen Reha (S. 186 ff).

Pflegekapazitäten

Regionale Unterschiede kennzeichnen die Kapazitäten ambulanter Pflegedienste. Sie liegen in Berlin, Hamburg und Bremen sowie in Ostdeutschland höher als der Bundesschnitt von 7,5 Vollzeitkräften je 100 Pflegebedürftigen. Der Westen liegt darunter. Die Kapazitäten der Heime sind im Norden und Süden besonders ausgeprägt, die höchste Kapazität weist Schleswig-Holstein auf, die geringste Hessen (S. 92 ff). Ähnliche regionale Unterschiede gibt es auch im stationären Bereich. Dabei zeigt sich, dass eine höhere Kapazität zu einer häufigeren Inanspruchnahme der vollstationären Pflege im Vergleich zu ambulanter Pflege führt (S. 98ff).

Mehr Informationen:
Pflegereport als Download

Alexander Keller

Ehemaliger Chefredakteur vom Wohnen im Alter Magazin.

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