Barmer Pflegereport 2018: Pflegende Angehörige an der Grenze der Belastbarkeit

Barmer Pflegereport 2018
Barmer Pflegereport 2018

Im Pflegereport 2018 der BARMER Krankenkasse wird von einem Pflegenotstand gesprochen – in Deutschland fehlen die Fachkräfte. Aber auch die pflegenden Angehörigen werden weniger. In Zahlen heißt das: 185.000 Pflegepersonen, die Angehörige zu Hause pflegen, stehen kurz davor, diesen Dienst einzustellen. Ein Hauptgrund – zugleich Schwerpunkt des BARMER Pflegereports – ist deren Gesundheit.

Warum das so ist, hat BARMER aus Hochrechnungen und Befragungen von rund 1.900 Versicherten herausgefunden. Der Pflegereport soll aufzeigen “unter welchen Umständen zu Hause gepflegt wird, welche Be- und Entlastungen dabei zu verzeichnen sind und wie es um die Zukunftsaussichten der pflegenden Angehörigen bestellt ist. Das Ergebnis zeigt, dass Angehörige noch mehr Hilfe brauchen, um den Belastungen des Pflegealltags standzuhalten.” (BARMER Pflegereport 2018, S6.)

 

Damit der detaillierte Bericht auch wirklich diejenigen erreicht, die vom Pflegealltag betroffen sind, sei es Pflegebedürftiger oder Pflegeperson, hat Wohnen im Alter die zentralen Themen des Reports hier noch einmal zusammengefasst.

Auswirkungen der großen Pflegereform

Den aktuellen Werten zufolge hatte die große Pflegereform der vergangenen Legislaturperiode erhebliche Auswirkungen auf die Finanzierung der Sozialen Pflegeversicherung. Für 2018 und die folgenden Jahre wird ein jährliches Defizit von mindestens drei Milliarden Euro erwartet. Daher musste der Beitragssatz noch in dieser Legislaturperiode angehoben werden. Nur so konnte die gesetzlich vorgeschriebene Mindestrücklage gewährleistet werden. Sollte mehr Personal für Pflegeeinrichtungen eingestellt und / oder höhere Gehälter für Pflegekräfte gezahlt werden, wären weitere Beitragssatzsteigerungen fällig.

Des Weiteren stiegen 2017 die Leistungsausgaben für das Pflegegeld um 3,2 Milliarden Euro – die Ausgaben für Pflegesachleistungen in häuslicher Pflege hingegen, haben sich um 0,7 Milliarden Euro erhöht. Demnach verzichtete ein Teil der bisherigen Sach- und Kombinationsleistungs-Empfänger darauf, weitere Sachleistungen in Anspruch zu nehmen. Sie haben anstatt dessen die durch das PSG II erhöhten Leistungsansprüche in Form von Pflegegeld bezogen.

Ferner hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) analysiert, dass höhere Pflegegrade vor allem die Versorgung der vollstationären Pflege wählen, während niedrigere Pflegegrade sich für die häusliche Pflege entscheiden. Auf diesen Trend müssen sich Pflegeheime und Pfleger in Zukunft einstellen.

Das große Problem: Die Sicherstellung der Versorgung

Ausgehend vom BARMER Report stellt die Sicherstellung der Versorgung das größte Problem der Pflegeversicherung dar. Es gibt schlichtweg zu wenig qualifizierte Fachkräfte. Der Umstand ist jetzt bereits akut – in Zukunft wird dieses Problem noch schwieriger zu lösen.

Eine Reihe von Maßnahmen, die im Entwurf eines Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes aufgegriffen werden, soll diesen Zustand verbessern. Es sollen 13.000 zusätzlichen Stellen in Pflegeheimen erschaffen werden. Die Finanzierung übernimmt die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Wie diese Stellen jedoch finanziert werden sollen, ist noch unbekannt. Ebenso bleibt es unklar wann diese Maßnahme tatsächlich umgesetzt werden, da bereits jetzt kaum Personal für offene Stellen gefunden werden kann.

Zunahme der Pflegebedürftigen

Da zum 1. Januar 2017 die Pflegestufen auf Pflegegrade umgestellt wurden, nahm die Anzahl der Pflegebedürftigen zu (von 2015 bis 2017 stieg die Zahl um 17,9 Prozent). Grund hierfür war die Änderung der Zugangsberechtigung. Da kognitive Einschränkungen nun ebenfalls Bestandteil der Pflegebedürftigkeit wurden, ist der Anstieg vor allem bei Pflegegrad 1 und Pflegegrad 2 zu sehen (13%). Zumal es überhaupt erstmals die Möglichkeit gab den Pflegegrad 1 zu erhalten.

Zu ähnlicher Analyse kam auch der MDK. In ihren Statistiken ist die Zahl der positiven Erstbegutachtungen in höheren Pflegegraden, also 3 bis 5, über die Jahre fast konstant geblieben. Der Anstieg ist daher vermehrt durch Pflegebedürftige mit geringem Pflegegrad erfolgt. Im Jahr 2017 haben 242.000 Personen den Pflegegrad 1 und 422.000 Personen den Pflegegrad 2 erhalten. Zum Vergleich: im Jahr 2011 waren es 281.000 Berechtigte.

Pflegende Angehörige

Laut BARMER waren 2,47 Millionen Menschen als Hauptpflegepersonen oder pflegende Angehörige im Jahr 2017 gemeldet – Personen also, die schwerpunktmäßig genau eine/n Familienangehörige/n im eigenen Haushalt pflegten. Darunter waren 435.000 (17,6 %) unter 50 Jahre alt und 942.000 (38,1 %) über 70 Jahre alt. Der Frauenanteil war dabei deutlich höher als der Männeranteil. Zwei Drittel der Hauptpflegepersonen, also 1,65 Millionen Menschen, waren weiblich.

Auch bei den zu pflegenden Angehörigen war der Frauenanteil höher. Es wurden rund 1,48 Millionen Frauen und Mädchen (59,9 %) sowie 0,99 Millionen Männer und Jungen (40,1 %) durch Hauptpflegepersonen versorgt. Darunter waren 1,18 Millionen (47,8 %) von ihnen, die 80 Jahre und älter waren. Jünger als 50 Jahre waren hingegen 334.000, also 13,5 %.

Pflegeaufwand und Bedarfslage

Laut Versichertenbefragung kümmern sich 85 % der Hauptpflegepersonen täglich um die pflegebedürftige Person – die Hälfte davon ist mehr als zwölf Stunden mit der Pflege oder Betreuung beschäftigt.

Die Hauptpflegeperson muss in der Regel mehrere Aufgaben übernehmen. BARMER hat diese in elf Bereiche unterteilt: Medikamente, gesundheitlich (Hilfe bei Therapie), Körperpflege, Ausscheidungen/ Toilettengang, Essen, Mobilität, emotional / psychisch / sozial, Haushalt ,Organisation und Verwaltung von Hilfe und Pflege, Verwaltung der Finanzen, finanzielle Unterstützung.

Von den Befragten übernehmen 13,1 % alle elf Aufgaben und 3 % keine dieser Aufgaben. Der Großteil der Befragten (60,5 %) übernimmt acht oder mehr dieser Aufgaben. Wiederum ein Großteil (60 %) wünscht sich allerdings in mindestens einem Aufgabenbereich weitere Hilfe.

Große Sorgen bereitet den Hauptpflegepersonen die Tatsache, dass sie kaum jemanden als Vertretung finden. Nur ein Sechstel findet ohne Schwierigkeiten eine Person, die sich eine oder mehrere Wochen um die pflegebedürftige Person kümmert. Deutlich mehr als die Hälfte hat überhaupt keine Möglichkeit, für längere Zeit eine Vertretung zu organisieren.

Belastungen und Erkrankungen

Barmer Pflegereport: Abbildung-3.19

Barmer Pflegereport: Abbildung-3.19

Obwohl laut eigenen Angaben 87,5 % der Hauptpflegepersonen meistens oder immer gut mit der Pflege zurecht kommen, haben sie oft mit anderen psychischen Beschwerden zu kämpfen. Sie bekommen nicht genug Schlaf (38,0 %), fühlen sich in der Rolle als Pflegender gefangen (29,9 %), oder es ist ihnen die Pflege zu anstrengend (20,4 %). Auch wirkt sich die Pflege negativ auf die Freundschaftsverhältnisse aus (22,7 %) und fast jeder Fünfte (18,8 %) hat mit Zukunfts- und Existenzängste zu kämpfen.

Die BARMER-Daten zeigen, dass fast die Hälfte (48,7 %) der Hauptpflegepersonen zum Ende des Jahres 2017 von psychischen Leiden betroffen waren – 11,1 % mehr als fünf Jahre zuvor. Die Hauptpflegepersonen sind also kränker geworden.

Die Krankenversicherung zeigt durch ihre Befragung auf, dass mit der Aufnahme der Pflege eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Belastungsstörung verbunden ist. Pflege bedeutet für viele pflegende Angehörige Stress. Sie wirkt sich daher oft mehr auf die psychischen Leiden als auf die körperlichen Leiden aus.

Unterstützungsleistungen

Der Pflegereport zeigt ebenfalls auf, dass die Notwendigkeit und die Bereitschaft, sich über Unterstützungsleistungen (z. B. Kurzzeitpflege) zu informieren, mit der Belastung und der Verschlechterung der Gesundheit steigt.

Bei guter Gesundheit sehen 69,8 % keinen Bedarf an der Kurzzeitpflege, kennen diese Leistung nicht oder haben überhaupt keinen Kommentar dazu gegeben diese zu nutzen. Bei schlechter Gesundheit sinkt der Anteil um 11,5 % auf 58,3 %. Es steigt mit den Belastungen und dem schlechten Gesundheitszustand also der Anteil derer, die die Kurzzeitpflege gern nutzen würden.

Konkreter gesagt, würden von den Gesünderen 14 % und von den weniger Gesunden 23,2 % gerne die Kurzzeitpflege nutzen. Verschiedene Gründe hindern sie allerdings daran diese zu beantragen – der hohe Aufwand für die Antragstellung, aber auch die begrenzten Möglichkeiten des Fachpersonals werden in diesem Zusammenhang oft erwähnt.

Zukunftswünsche der Hauptpflegepersonen

Abschließend zeigt die BARMER-Versichertenbefragung 2018, dass, wie oben erwähnt, etwa 185.000 Hauptpflegepersonen überlegen ihre Pflege von Angehörigen aufzugeben. Etwa 6,6 % wollen nur dann noch die Pflege fortsetzen, wenn sie mehr Unterstützung bekommen. Überhaupt keine Bereitschaft zur Pflege wird von 0,8% geäußert.

Die Bereitschaft Angehörige zu pflegen, kann verbessert werden. Für die Zukunft wünschen sich die Hauptpflegepersonen vor allem weniger Bürokratie bei der Antragstellung (59,0 %), bei Fragen immer dieselbe Fachkraft kontaktieren zu können (56,2 %), bessere Aufklärung über die Leistungen der Pflegeversicherung (48,8 %) und mehr Informationen darüber, woher man Hilfe bekommen kann (41,3 %). Sollten diese vier Punkte verbessert werden, könnte man den Abgang der pflegenden Angehörigen verringern – vielleicht würde man sogar neue Pfleger dazu gewinnen.

Quelle: BARMER Pflegereport 2018

Isabel Aigner

Leitung Online Marketing und Pressearbeit

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