Pflege-WGs: Was baulich zu beachten ist

Die Geschäftsführerin der Schorndorfer Palm KG: Monika Seckler-Fleischer.

Monika Seckler-Fleischer von der Palm KG weiß, auf was baulich bei Pflegewohngruppen zu achten ist.

Der „dritte Weg“ zwischen häuslicher Pflege und Heim lockt durch familiäre Qualität und finanzielle Vorteile: Pflegeanbietergestützte Wohngemeinschaften mit zwei Gruppen bis zu acht Bewohnerinnen, sind um nahezu ein Drittel günstiger als ein Heimplatz – je nach Pflegegrad.

Fakt ist: Weil Fachkräfte fehlen, können Heime längst nicht mehr alle Plätze belegen.  Personalkosten steigen, die Menschen ziehen spät und hochbetagt ins Heim. Die Verweildauer sinkt auf weit unter zwölf Monaten im Schnitt. „In Pflegewohngruppen (PWG) leben Menschen lieber und länger zusammen“, weiß Monika Seckler-Fleischer. Die Geschäftsführerin der Palm KG aus Schorndorf bei Stuttgart entwickelt kleine Quartiere als Vermieterin. Wohngruppen liegen im Trend individueller Pflegeangebote. „Sie sind baulich flexibler, auch in der Nachnutzung“, meint die Immobilienfachfrau, die 13 Medizin- und Pflegestandorte betreut.

Innerstädtische Lage

Pflege-WGs lassen sich innerstädtisch einrichten. ÖPNV und Einkaufsmöglichkeiten fördern Teilhabe und Mobilität. Auf einer barrierefreien Etage mit rund 500 qm lassen sich die erforderlichen 25 qm je Person nach Wohn-Teilhabe- und Pflegegesetz (WTPG) verwirklichen. Großzügige Gemeinschaftsflächen, private Einzelzimmer mit mindestens 14 qm, Lager, Sitzplätze für Gäste und Personal, sind in so einem Großhaushalt nötig. Zum Standard gehört ein Flur in dem Rolli und Rollator parken können, dass sich maximal vier Bewohner Bad und WC teilen, rutschfeste Böden und ein Freisitz. Laut Seckler-Fleischer eignen sich ehemalige Büroetagen, Gasthäuser genauso wie Leerstände in Einkaufszentren. Allerdings müssen Vermieter dann Umnutzungen baurechtlich beantragen.

Wohnraum statt Gewerbe

Was immer besser gelingt, da Bauämter PWGs oft als Wohnraum einstufen und nicht als Gewerbe. Was niedrigere Standards bei Brandschutz und Stellplätzen bedeutet. Die Objektauswahl steigt, die Baukosten fallen. Seckler-Fleischer schätzt, dass um bis zu einem Viertel günstiger gebaut oder saniert werden kann, wenn kein Heim- oder Klinikstandard aufgerufen wird. Doch wo Ämter offen für neue Pflegekonzepte sind, sperren sich mitunter Gemeinderäte. „Immer noch werden Pflegeheime überwiegend auf der grünen Wiese geplant und gebaut“, weiß Felix Stammler. Der Schorndorfer Architekt leitet das gleichnamige Büro in dritter Generation. Etliche Pflegeimmobilien haben die Architekten seither entworfen und gebaut. Stammler berichtet von einem aktuellen WG-Projekt, das an einem viel befahrenen Kreisverkehr liegt. Damit das Treiben auf der Straße von den Bewohnern beobachtet werden kann, arbeiten die Architekten mit verglasten Loggias, die hin zur Straße gerichtet sind. „Das wäre für normalen Wohnraum kaum vorstellbar“, so Stammler.

Zielgruppe ändert Ansprüche

Doch der örtliche Rat sieht das anders und will Wohnungen bauen – der politische Druck ist eben hoch. Noch. Denn schon bald gehen die Babyboomer in Rente. Stammler nimmt deren Ansprüche als gehoben wahr. „Ehepaare wollen, falls einer Pflege benötigt, in kleine Apartments umziehen, die an Gemeinschaftsflächen andocken“, so der Planer. Wichtig sei es, Grundrisse flexibel zu halten, so dass Zimmer hinzugemietet werden können. „Diese Flexibilität ist unentbehrlich“, weiß auch Seckler-Fleischer. Die überzeugt ist, dass die Wohnsituation eingebettet sein muss ins örtliche Geschehen. „Junge Alte wollen teilhaben und nicht ins Gewerbegebiet“, beobachtet die Immobilienwirtin. Stammler spricht von einem „Pflegeumfeld mit Wohnqualität eines Einfamilienhauses“, wenn er ein Bild der Immobilie zeichnet. Uniforme Bettenburgen überzeugen wohlhabende Rentner nicht. Und deren Anteil wächst.

Kein Selbstläufer

Baulich bedeutet dies, dass die 40 qm privater Wohnfläche, die pro Person im betreuten Wohnen gerechnet werden, in Pflege-WGs auf die Hälfte inklusive Nasszelle schrumpfen. Mit dem Überschuss werden Wohnküchen und Gemeinschaftsräume gestaltet. Um diese kulturell zu belegen oder als Vorleseraum für Kinder der benachbarten Kita zu nutzen, bedarf es dem Engagement der Gemeinde. „Ein Selbstläufer sind Wohngruppen keineswegs“, stellt Seckler-Fleischer fest. Angehörige sollten sich einbringen: Wäsche waschen, Ausflüge initiieren und so für ein wirtschaftliches Miteinander sorgen.

Personalwohnung nicht vergessen

Verhandelbar ist die Stellplatzanzahl. Liegt diese für klassische Wohneinheiten oft bei 1,5, seien Kommunen bei der Ansiedlung von PWGs bereit, Stellplatzschlüssel zu reduzieren. „Das klappt vor allem, wenn Immobilien an den Nahverkehr angeschlossen sind“, so die Quartiersentwicklerin, die analysiert hat, dass die Areale mit Nahversorgung gekoppelt sein sollten. Um Bäcker, Metzger und Physiotherapeuten oder eine Apotheke unweit einer PWG anzusiedeln, bedarf es einer Nutzfläche ab 2500 qm. Dann seien auch separate Einliegerwohnungen fürs Personal machbar. Für Stammler wäre die Idealkonstruktion, wenn Wohn- und Pflegeflächen zu einer Einheit verschmelzen. So könnten sich Familienwohnungen und Single-Apartments um PWGs gruppieren, „das würde die Integration beschleunigen“.

Info:
Pflege-WGs gewinnen an Bedeutung: Die Zahl der Wohngruppen stieg von 2100 (im Jahr 2016) auf mehr als 3500 (in 2021). Der Barmer Pflegereport listet unlängst mehr als 4000 Pflegewohngruppen auf, in denen 150.000 Menschen wohnen. Zum Vergleich: etwa genauso viele Leute leben bundesweit in 8000 betreuten Wohnanlagen.

Michael Sudahl

Michael Sudahl ist freier Journalist in Schorndorf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert