Buurtzorg – die Pflegerevolution der Nachbarschaftshilfe

Buurtzorg – zu Deutsch Nachbarschaftshilfe – ist ein niederländisches Erfolgsmodell für die häusliche Versorgung Pflegebedürftiger. Die Pflegeorganisation setzt seine ausgebildeten Pflegekräfte ausschließlich in deren unmittelbarer Nachbarschaft ein. Das sorgt dafür, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, und kein Pflegeschlüssel oder Zeitfaktor Stress und Hektik verursacht.

Pflegebedürftige in Buurtzorg Nachbarschaft | Quelle: Anna Shvets - Pexels

Buurtzorg – das innovative Pflegesystem aus Holland  | Quelle: Anna Shvets – Pexels

 

Hintergrund

2007 begann Jos de Blok mit einem Team von 4 Mitarbeitern die Pflegeorganisation Buurtzorg. Mittlerweile arbeiten in Niederlande ca. 10.000 Pflegekräfte in rund 900 Teams und versorgen 90.000 Patienten. Das sind ungefähr die Hälfte aller Pflegebedürftigen in den Niederlanden.

Weltweit sind es noch viel mehr Pflegekräfte, die nach diesem Prinzip arbeiten und versorgen. Das erfolgreiche System wird von Pflegediensten aus Ländern wie Japan, Indien, China, Belgien, Australien, den USA und Großbritannien übernommen. Langsam macht es sich auch in Deutschland durch erste Pilotprojekte bekannt.

 

Was ist Buurtzorg?

Buurtzorg ist ein ambulanter Pflegedienst, welcher sich nicht nur auf die Pflegestufe eines Bedürftigen konzentriert. Anders als in der staatlich organisierten Pflege Deutschlands, wo mehrere verschiedene Pflegekräfte zu einem Patienten fahren und ihn schnell versorgen, um dann ihre Arbeit abzuhaken. Buurtzorg verfolgt das Prinzip, sich individuell Zeit für einen Pflegebedürftigen zu nehmen.

Ein weiterer Grundsatz von Buurtzorg ist, dass die Betreuung einer Person durch die Familie, die Nachbarn und durch Profis unterstützt wird. Alle Beteiligten scheinen damit zufrieden: Kunden, welche den Dienst zu 98% weiterempfehlen würden; Mitarbeiter, welche mehrfach Buurtzorg zum besten Arbeitgeber der Niederlande gewählt haben; und der Staat, welcher durch diese Art der Betreuung bis zu 40% an Pflegekosten spart.

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Wie funktioniert es?

Jedes Team erledigt eigenständig und selbst organisiert seine Arbeit. Anstatt den Plan einer zentralen Pflegedienstleitung zu bekommen, müssen die Teams die Touren zur ambulanten Pflegeversorgung in der Nachbarschaft selbst zusammenstellen. Das hat den Vorteil, dass die Pflegekräfte ihren Alltag selbstständig planen, sowie auf die Bedürfnisse und Wünsche der Patienten eingehen können. Die Eigenverantwortung sorgt hier für eine hohe Motivation.

Die selbst organisierten Teams von vier bis 12 Mitarbeitern, sind für ihre Pateinten rund um die Uhr erreichbar. Die Größe eines Teams orientiert sich an dem Patientenaufkommen in dessen Einsatzgebiet. Das heißt, je mehr Pflegebedürftige in einer Nachbarschaft wohnen, desto mehr Buurtzorg-Mitarbeiter werden für dieses Umfeld gebraucht.

Wichtig ist vor allem, dem Patienten so wenig unterschiedliche Gesichter wie möglich zuzumuten. Anstatt flüchtiger Beziehungen zu mehreren Pflegekräften, bekommt ein Patient also eine Pflegekraft als Bezugsperson zugeschrieben. Diese nimmt sich die Zeit, neben dem Versorgen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und auch darauf zu achten, dass der Mensch in seinem sozialen Umfeld eingebettet bleibt. Zudem wird versucht, dass die Pflegebedürftigen ihre Selbstständigkeit zurückerlangen oder das ein Netzwerk geschaffen wird, welches sie unterstützt.

Gerade für Demenzkranke Menschen, oder Alzheimer Patienten ist es eine enorme Entlastung, eine eigene Bezugsperson zu bekommen. Aber auch das Personal ist froh, jeden Patienten gut zu kennen und nicht jedes Mal viel Zeit, beim Durchlesen der Aufzeichnungen ihrer Kollegen, zu verschwenden.

Meist verzichten die Pflegekräfte aber komplett auf das Dokumentieren der geleisteten Arbeit und konzentrieren sich auf die Ziele der Pflege, also auf den Zustand des Pflegebedürftigen. So wird Pflege nicht nur ein Abhaken von Listen.

Rüdiger Ostermann, Professor am Fachbereich Gesundheit an der Fachhochschule Münster:

Heute wird jedes Haarekämmen dokumentiert, bei Buurtzorg wird viel weniger aufgeschrieben. Das kann eine große Befreiung sein.

Nach jedem Besuch beantworten die Mitarbeiter drei Leitfragen:

  • Welchen Status hat der Patient aktuell, hinsichtlich seiner Gesundheit und Selbstständigkeit?
  • Wie steht es um sein Wissen über seine Situation und den angestrebten Fortschritt?
  • Wie verhält er sich diesbezüglich?

Anders als in Deutschland, wo Einzelmaßnahmen mittels Minutenschlüssel abgerechnet werden, werden die Pflegekräfte von Buurtzorg für die Zeit bezahlt, die sie mit den Pflegebedürftigen verbringen, also nach Betreuungsstunden. So kann die Pflegekraft ihre Zeit optimal einsetzen, auch für Gespräche oder das Einbinden von Verwandten und Freunden.

 

Ein innovatives Pflegemodell – auch für Deutschland?

Das deutsche Pflegesystem gilt als unterfinanziert, unterbesetzt und die Stimmung unter den Pflegenden ist schlecht – gleichzeitig steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. Das Pflegemodell Buurtzorg könnte also definitiv ein Schritt in die Besserung der Pflege sein.

Erste Versuche, das Buurtzorg-Modell zu übertragen, gibt es auch schon. Allerdings wird noch einige Zeit vergehen, bis die Alternative deutschlandweit eingeführt werden kann. Die Politik und die Versicherungen müssen miteinbezogen werden, um neue Wege bei der Bezahlung von Pflegeleistungen zuzulassen, sowie Vertrauen in die Pflegekräfte zu entwickeln. Gleichzeitig müssen Pflegepersonal und Ärzte gemeinsam die Verantwortung für Pateinten übernehmen und bereit sein autonom zu arbeiten.

 

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